Vord. Kreuzbandriss, was nun ??

Das vordere Kreuzband ist ein ca. 2 cm langes und weniger als kleinfingerdickes Faserbündel, welches im Knie vom Schienbeinkopf zum Oberschenkel zieht. Es stellt zusammen mit dem hinteren Kreuzband den zentralen Stabilisator dar und ist für die Roll-Gleitbewegung des Kniegelenkes verantwortlich. Kreuzbandrisse treten meist durch Verdrehungen des Knies bei feststehendem Fuß auf, insbes. beim Fußball, Handball und Skifahren.

Durch den Verlust des vord. Kreuzbandes kommt es insbesondere bei unbewussten, muskulär nicht kontrollierten Bewegungen zum typischen Wegknicken mit "Herausrutschen" des Unterschenkels, was sich durch spez. Tests bei der körperlichen Untersuchung nachvollziehen lässt. Wiederholtes Wegknicken führt im Laufe der Zeit zur Auslockerung des Kapselbandapparates und damit zu einer komplexen Knieinstabilität. Zusätzlich können Meniskusrisse und Knorpelschäden an der Oberschenkelrolle entstehen. Um diese Folgeschäden zu vermeiden, sollte bei subjektivem Instabilitätsgefühl und objektiven Instabilitätszeichen eine vordere Kreuzbandersatzplastik durchgeführt werden. 

Kreuzbandverletzung

Kreuzbandstumpf

Intaktes vord. Kreuzband

Arthroskopisches Bild einer frischen vorderen  Kreuzbandverletzung

Älterer Abriss des vord. Kreuzbandes

Bild einer alten Kreuzbandverletzung mit eingerollten Stümpfen

 

Operative Verfahren der Kreuzbandersatz-Operation: 

Während bis vor einigen Jahren große Schnitte am Kniegelenk gemacht werden mussten, um eine Ersatzoperation des vord. Kreuzbandes durchzuführen, genügt jetzt neben den kleinen Einstichen zur Arthroskopie ein ca. 3 cm großer Schnitt am Schienbeinkopf, um die gesamte Ersatzoperation durchführen zu können.  Ermöglicht wurde dieses wenig traumatisierenden OP-Verfahren durch moderne Entwicklungen der Industrie, welche "innere Verankerungen" der Kreuzband-Ersatzsehne im Gelenk ohne weitere Zugänge ermöglicht hat. Diese technisch aufwendige und schwierige Operation sollte man nur bei einem erfahrenen Operateur durchführen lassen.

Ich selbst führe derzeit ca. 180 Kreuzbandersatz-Ops pro Jahr durch und habe bislang Erfahrungen mit über 2500 Operationen.

Zeitpunkt der Operation:

Schneller ist nicht immer besser. Studien haben gezeigt, dass das Risiko von postoperativen Kniesteifen mit Verklebungen und Verwachsungen deutlich größer ist, wenn das Gelenk durch die Verletzung noch angeschwollen ist , Schmerzen bestehen und die Beweglichkeit noch eingeschränkt ist. Das bedeutet, dass in vielen Fällen zunächst entzündungshemmende Therapie und auch Krankengymnastik zur Verbesserung der Funktion durchgeführt werden müssen.  Die vord. Kreuzbandersatz-Operation kann dann bei reizlosem, schmerzfreiem und frei beweglichem Knie geplant werden, da sie bis auf sehr wenige Ausnahmen keine "Not-Operation" ist, die schnellst möglich durchgeführt werden muss. Oft ist der Patient auch wieder bis zur OP arbeitsfähig. Dieses Zuwarten bezahlt sich meist in der Dauer der postoperativen Nachbehandlung aus. Das Risiko einer postop. Kniesteife ( Arthrofibrose) kann dadurch erheblich gesenkt werden. Eine rein diagnostische Kniespiegelung zum Ausspülen des Blutergusses ist nicht notwendig und bringt eher sogar Nachteile. In der Regel sollte ein vord. Kreuzbandersatz zwischen 4 und 8 Wochen  durchgeführt werden. Voraussetzung ist allerdings eine weitgehend freie Funktion. Sollte jedoch ein abgerissener und eingeklemmter Meniskus (Korbhenkel-Riss) vorliegen, sollte man diesen möglichst bald versorgen, evtl. auch in einer separaten OP und dann später erst den VKB-Ersatz. Kleinere Menikusrisse können jedoch auch noch nach Wochen im Rahmen des VKB-Ersatzes genäht  werden.

Eine Besonderheit stellen die Skiverletzungen dar. Hier ist in ca. 80 % das Innenband mit verletzt. Bei Innenbandverletzungen werden diese mit einer Orthese zunächst konservativ behandelt, die erforderliche  Kreuzband-OP wird dann bei reizlosen Zustand später durchgeführt.

 

Operations-Technik:

Es gibt mehrere Sehnen, mit der die Kreuzband-OP durchgeführt werden kann. In den letzten Jahren wird überwiegend die Semitendinosussehne genommen. Wir selbst führen diese OP-Technik seit 1995 durch.
Durch den kleinen Schnitt am Schienbeinkopf wird diese Adduktorenmuskel-Sehne  (Semitendinosus)
unter der Haut mit einem spez. Instrument gewonnen. Die ca. 30cm lange Sehne wird dann vierfach aufeinander gelegt, wodurch die ca. 8-9mm dicke und 7-8 cm lange Ersatzsehne für das Kreuzband entsteht. Diese Sehne muss anatomisch gerecht anstelle des gerissen Kreuzbandes in das Gelenk eingezogen werden. Dazu werden zunächst mit Hilfe von Zielgeräten am Anfang und Bohrkanäle  angelegt. Diese führen zum Ursprung  am Schienbeinkopf und am Ansatz am Oberschenkelknochen. Die exakte anatomische Rekonstruktion ist Voraussetzung zum Gelingen dieser Operation. Sind die Bohrkanäle nicht richtig platziert, kommt es zwangsläufig zu einem Versagen des Transplantates mit erneuter Instabilität oder zu einer Streckhemmung des Gelenkes. 

Bohrkanäle im Ober- und Unterschenkel zur genauen Platzierung des Kreuzbandersatzes

 

Zur stabilen Fixation der Sehne im Knochenkanal gibt es verschiedene Verfahren. Wir bevorzugen eine stabile und gut belastbare Stabilisation mittels Retrobutton im Oberschenkel und Knochenschraube im Schienbeinkopf. Die letztendliche Entscheidung, welches Verfahren angewandt wird, hängt von individuellen anatomischen Voraussetzungen des Patienten wie Länge und Dicke des Bandes ab. Wichtig ist eine stabile und gelenknahe Fixation, um ein " Herumschlenkern" des Bandes im Bohrkanal zu vermeiden, da dies zu Auslockerungen führen kann.

 

Retrobutton:

Der Retrobutton legt sich wie ein Kippdübel über den Bohrkanal und verankert somit das Band im Bohrkanal

.

 

 

 

Bioschraube

Schema der Fixation mit Bio-Implantaten
( Bild Fa. Arthrex)

 

 


 

 

Das untere Ende der Sehne wird mit einer so genannten Bioschraube in den Knochenkanal verklemmt. Diese Schraube ist aus Polylactat, einem zuckerähnlichen Material, welches sich nach ca. 2-3 Jahren  wieder auflöst. Bis dahin ist die Sehne fest im Knochen eingeheilt.

 

Arthroskopisches Bild des vord. Kreuzbandersatzes mit der  Semitendinosussehne am Ende der OP.

 

 

Am Ende der Operation, die ca. 50 Minuten dauert, ist das vord. Kreuzband durch einen Sehnenanteil des Oberschenkels ersetzt, zurückbleiben 2 kleine Einstiche nach Arthroskopie, sowie die 3 cm lange Wunde an der Schienbeininnenseite zur Entnahme des Kreuzbandes. Da die Ersatzsehne im Knochenkanal erst einwachsen muss, was  etwa 8-10 Wochen dauert, muss bei voller Belastung eine stabilisierende Knieschiene für ca. 8 Wochen getragen werden. Wegen der hervorragenden Stabilisation und der guten Trageigenschaften benutzen wir in der Regel die T-Force - Orthese von Bledsoe Brace Systems. Diese Schiene kann nachts zum Schlafen und zur krankengymnastischen Behandlung abgenommen werden.

Link zu Bledsoe Brace Systems

Keine Belastung des Knie ohne Orthese !!!


Bilder der Kreuzbandoperation:

Hier geht es zu der Seite, auf der die einzelnen Operationsschritte der Kreuzbandplastik gezeigt werden :

Richtlinien zur weiteren postoperativen Nachbehandlung:


 

Kurzübersicht der Nachbehandlung:

1. Belastung:
Wenn nach der Operation die Schwellung des Gelenkes abgenommen hat und eine weitgehende
volle Streckung besteht, kann mit der Knieschiene (Orthese) üblicherweise nach der 1.- 2. postoperativen Woche mit zunehmender Belastung begonnen werden, Vollbelastung ohne Gehstützen ab der 2. postoperativen Woche. Ausnahmen bestehen bei Begleitschäden an Innen- und Außenband bzw. angefrischten Knorpelschäden sowie Meniskusnähten. Hier kann eine Entlastung bis zu 6 Wochen erforderlich sein.

2. Radfahren:

 a) Heimtrainer:
    Bei reizlosem Kniegelenk kann nach etwa 2-3 Wochen mit dem Fahren auf dem Heimtrainer
begonnen werden.

b) Radfahren im Freien:
   
Wegen der Verletzungsgefahr sollte hier erst 3 Monate postoperativ mit Radfahren begonnen werden.

3.Tragen der Orthese:
Zur Nachbehandlung benutzen wir Orthesen von Bledsoe Brace Systems. Diese haben einen hervorragenden Tragekomfort und stabilisieren das Knie durch das  "aktive  Muskelsystem". Diese Orthese muss für 8 Wochen bei Belastung des Knie getragen werden.

 4. Krankengymnastik: Beginn der Krankengymnastik im Krankenhaus, Weiterführung ambulant sofort nach Entlassung bis zum vollständigen Muskelaufbau und zur vollen Beweglichkeit.
 

5) Schwimmen
Schwimmen nach 10 Wochen, Bewegungsbad und vorsichtiges "Aquajogging" nach Abheilung
der Wunden nach 2- 3 Wochen.
 

6.) Muskelaufbautraining (Krafttraining):
Muskeltraining mit der Beinpresse ist nach 6 Wochen postoperativ möglich. Der Beincurl / Beinstrecker darf wegen der auf das vord. Kreuzband einwirkende Scherkräfte frühestens 3 Monate   postoperativ durchgeführt werden, bei speziellem isokinetischem Trainingsgerät mit Rückhaltevorrichtung am Schienbeinkopf 4 Wochen früher.

7. Sportbeginn:
Mit Lauftraining sollte man frühestens nach 3-4 Monaten bei seitengleich ausgebildeter Oberschenkelmuskulatur und freier Beweglichkeit beginnen. Kontaktsportarten (insbes. Fußball
) mit erhöhtem Verletzungsrisiko sollten frühestens 9 Monate postoperativ durchgeführt werden. Zuvor sollte das Knie von uns oder einem erfahrenen Orthopäden untersucht werden.
In vielen Fällen wird insbes. bei Kreuzbandverletzungen  ohne gegnerisiche Einwirkungen liegen muskuläre Fehlsteuerungen vor. Nach amerikanischen Studien bei Fußballerinnen lasst sich die Häufigkeit durch ein spezielles Trainingsprogramm bis zu 30 % reduzieren. Sie finden dieses Reha-Training bei der fifa.com unter 11+

 


Entscheidungshilfen PRO-KONTRA Operation

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